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You can take my knowledge for free. Not.

Im Rahmen des 93. #EdchatDE wurde mir heute ein Blogstöckchen mit dem Titel “Ist Geiz geil? – Kostenloskultur in der Bildung” von Anja Lorenz zugeworfen. Ein Thema, das mich schon seit Jahren begleitet in vielerlei Hinsicht.

Was ist ein Blogstöckchen?

Im Vergleich zu einer Blogparade zeichnet sich das Blogstöckchen durch ein enger gefasstes Setting aus:

  • in der Regel gibt es drei bis fünf vorgegebene Fragen
  • das Thema ist vorab enger eingegrenzt
  • man nominiert ein paar Personen und fordert sie direkt zum Beantworten auf
  • die Frist ist etwas kürzer bemessen
  • man darf sich kurz halten

Wer übrigens mal an der freieren Variante Blogparade teilnehmen möchte: hier ist eine aktuelle Übersicht.

Die Fragen

  1. Was waren die letzten 3 Bildungsressourcen (Materialien, Bücher, Kurse, Workshops, Konferenzen, Devices/Hardware…), die Du kostenlos bekommen und verwendet hast?
  2. Und was waren die letzten 3 Bildungsressources, für die Du (oder Dein/e Arbeitgeber/in) Geld ausgegeben hast?
  3. Betrachte diese 6 Punkte und überlege, ob es für Dich einen Unterschied macht, ob Du für etwas im Bildungsbereich Geld investiert hast oder nicht.
  4. Wann gibst Du für etwas Geld aus? Wann sind für Dich kostenlose Bildungressourcen die bessere Lösung?
  5. Hast Du selbst schon OER oder kostenpflichtige Lerninhalte ins Netz gestellt?

Meine (spontanen) Antworten

1. Kostenfreie Bildungsressourcen:

  • a) Vor allem diverse Online-Kurse, darunter MOOCs und Zeichenkurse auf Skillshare und Udemy.
  • Die tollen Online Video-Interviews und -Gesprächsrunden auf ununi.TV.
  • Wikipedia, Blogs und überhaupt alle möglichen Ressourcen aus dem herrlichen Ding namens Internet.
  • ab und an ein Barcamp
  • meine Sketchnote- und Doodler-Community und meine ununi.TV-Community (Online, aber geschlossen, nur für ernsthaft Interessierte, kein Gelaber)

2. Kostenpflichtige Bildungsressourcen:

  • Berufsbegleitende Weiterbildung Coaching (2 Jahre) sowie Supervision für Coaches (1 Jahr).
  • Erste Hilfe-Auffrischung
  • Skillshare fahre ich jetzt im Pay-Modell erstmal für 3 Monate
  • Bücher, Bücher, Bücher. Zum Sketchnoten, Zeichnen, Collage-Technik und Doodeln.

3. + 4.  Spending Money or not?

Die Tendenz ist eindeutig: noch vor ein paar Jahren befand ich langfristige berufsbegleitende (kostenpflichtige) Ausbildungen als wichtig, um meine Chancen am Berufsmarkt zu erhöhen/zu erhalten. Als Mitglied der Generation X wurde ich mit dem Denken erzogen, dass Nachweise relevant sind. Für den Fall, dass ich mich bewerben musste, waren Zertifikate, Ausbildungs-, Studienabschlüsse und “was Solides, Handfestes” im Sinne der klassischen Bewertung als Qualifikations-Nachweis also wichtig.

Letztlich zeigten sich diese in den letzten Jahren aber nur als “nice to have”. Mit einem breit aufgestellten Portfolio zu Social Media-Marketing, Community Management, Learning 2.0 und Visueller Kommunikation – ohne stringente Karrierenachweise – zählen in Bewerbungen auf Stellen ohnehin nur die Online-Aktivitäten, letzte Arbeiten und “was man so drauf hat”. Sowie der bisherige Karriereweg. Ansonsten wird man gleich aussortiert, weil “zu alt, zu frei, zu wenig auf Linie”.

Teure Fortbildungen kann ich mir a) nicht leisten und b) sind sie auch nicht zweckdienlich. Kompetenzerweiterung findet bei mir täglich statt, in kleinen Häppchen. Die finde ich kostenfrei eher im Web als irgendwo anders. Ich zeige meine Qualifikationen über das, was ich täglich im Web über die Social Media-Aktivitäten veröffentliche.

Außerdem gestehe ich: ich kaufe Bücher. So Dinger auf Papier. Für Techniken, die mit Zeichnen, Doodeln und Sketchnoten zu tun haben.

5. Meine Lehrinhalte (im Web):

  • Speziell bei mir ist, dass ich schon seit Jahren selbst Bildungsinhalte anbiete. Zunächst offline in der Erwachsenenbildung. Coaching, Supervision, Ausbildung als Hospizhelferin und Erfahrung in der Individuellen Schwerstbehinderten-Betreuung qualifizierten für den Bereich Kommunikation in der Pflege.

Viele Arbeitslose und Berufs-Rückkehrerinnen wurden jahrelang über die Agentur für Arbeit in diesen Bereich geschoben gezwungen. Die demografische Entwicklung zeigt eine Überalterung unserer Gesellschaft – an der Versorgungsstruktur für die Alten mangelt es. Die Finanzierung erfolgt über staatlich geförderte Programme um den “Pflegenotstand” zu beheben und ist fast schon als kriminell zu bezeichnen: bei Honorarsätzen zwischen 12 und 30 Euro brutto kann kein ausbildender Freiberufler ein Bein auf den Boden bekommen. Habe ich dann logischerweise aufgegeben vor vier Jahren.

  • Seminare und Workshops im Bereich Coaching/Supervision kann man nur bedingt zu angemessenem Preis verkaufen. Vorrangig in Bezug zu Anbindung an Firmen – also dem Bereich Corporate Learning.
  • Visuelle Kommunikation (seit einem Jahr meine Leidenschaft) wird definitiv gebraucht für die Herausforderungen, die das Digitale Zeitalter mit sich bringt. Trotzdem: auch hier muss man große, etablierte Firmen als Auftraggeber gewinnen. Workshops für “Jederman” dürfen nicht mehr als 30 bis 60 Euro pro Nase kosten. Das rentiert sich nicht, wenn man Vorbereitungszeit, Durchführungszeit und Wege mit einer Mindest-Teilnehmerzahl aufrechnet.

Ich habe darüber hinaus einen schönen, knackigen Online-Kurs für die Basics im Sketchnoting für ununi.TV konzipiert, mit mäßiger Resonaz. Die Plattform ununi.TV wird beobachtet, kopiert und ignoriert. Dabei finden sich hier sehr relevante Konzepte und Gedanken in Bezug auf die moderne Arbeitswelt – mit Blick auf beide Perspektiven: Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Bildung als Grundrecht und Wert

Der freie Zugang zu Wissen wurde von mir immer/zeitlebens/seit meiner Kindheit als menschliches Grundrecht betrachtet. Deutschland hat aus diversen Gründen, die sicher mit unserer Historie zu tun haben, eine Kultur entwickelt in der finanzielle Förderung von Bildung durch Staat oder andere Interessengruppen den Bildungsmarkt bestimmt. Das ist vom Grundgedanken her nicht schlecht, hat aber in der momentanen Ausformung eine extrem nachteilige Auswirkung für Bildungsanbieter, die sich den “Neuen Zeiten” stellen wollen.

Alle Bemühungen seitens Einzelpersonen, engagierten Start-Ups und etablierten Playern, dem Bildungs-Begriff in Deutschland eine neue Wertigkeit zu verleihen, laufen gerade ins Leere. Damit hängen wir meilenweit hinter anderen Ländern zurück, die sich den veränderten Bedingungen einer Bildungskultur im Digitalen Zeitalter stellen.

Bildung in der meiner Praxis

Ich persönlich arbeite mich zurzeit eher freiwillig durch Kurse auf Skillshare. Wann ich will (und wo – natürlich zuhause von meinem Laptop oder iPad aus). Dafür entrichte ich gerne eine pauschale Summe.

Als Autodidakt zählt für mich ein physischer Ort, an dem ich mich Leuten treffen kann, überhaupt nicht. Ich will nur dann, wann ich will, Zugriff auf Bildungs-Ressourcen haben, die mich interessieren. Ich lerne für mich, alleine. Ich will grundsätzlich die Option haben, zu lernen. Ob ich sie nutze und wann ich sie nutze, ist meine persönliche Entscheidung. Darin unterscheide ich mich von den gängigen Erkenntnissen, dass Menschen am besten in Gruppen über Peer-Review lernen.

Ich habe einen Plan dafür, worin ich mich qualifizieren will. Den verfolge ich in täglichen kleinen Schritten. Ich lebe schon in der neuen VUCA-Welt, obwohl andere das nicht tun. Mein Berufsleben ist von einem modernen Konzept bestimmt, Herausforderungen in den üblichen Ausschreibungen interessieren mich nicht mehr.

Schnitt: zwiegespalten.

  • Als Institution mit abgesichertem finanziellen Rahmen würde ich jederzeit massenhaft OER-Materialien online stellen
  • Als teilweise tätige Freiberuflerin habe ich damit Bauchschmerzen. Meine Doodles und Sketchnotes stehen auf Flickr zurzeit unter “Alle Rechte vorbehalten”. Klar, die sind meine Referenz und ich will nicht, dass sie ohne meine Namensnennung gebraucht werden ohne dass die Leute mich fragen (und damit vielleicht Geld verdienen, dass eigentlich ich verdienen möchte durch meiner Hände Arbeit). Andererseits sind die Arbeiten oft auf Twitter, zum Teil auf Facebook und auf meinem Blog zu sehen. Rechtsklick, Bild speichern unter, fertig.
  • Ich selbst zahle eigentlich nur für On-Demand: für die Dinge, die ich gerade lernen möchte.
  • Als Anbieter von Bildungsmaterialien denke ich also genau darüber nach, was ich ohne großen Zeitaufwand unter Beachtung einer Kosten-Nutzen-Rechnung frei ins Netz stellen kann/möchte und was nicht.
  • “Das dient dem Marketing” und “Damit erweiterst du deine Netzwerke” ist als Begründung, die eigene Arbeit kostenfrei anzubieten – also zu verschenken – schon lange kein Argument mehr. Entweder passt freies Herausgeben der eigenen Arbeiten tatsächlich in ein funktionierendes Marketing-Konzept… oder: #looser und wieder mal jemand, der alles verschenkt, anstatt unternehmerisch zu denken und zu handeln.

Offene Fragen

  • Wie kann man Bildungsarbeit einen angemessenen Wert zumessen, wenn das gesellschaftliche Umfeld und die individuelle Berufs-/Ernährungsgrundlage einem bestimmte Restritktionen auferlegt?
  • Wie kann man alleine, in kleineren und in größeren Kreisen dafür sorgen, dass ein Umdenken in Bezug auf die Wertigkeit von Bildungsmaterialien praktisch statt findet?
  • MOOCs sind ein interessantes Modell, finden aber größtenteils über Förderung statt. Somit untermauern sie die bestehende Bildungskultur und alle Bemühungen, Bildungs-Aspekten auch einen finanziellen Gegenwert zu verleihen.
  • Warum werden alternative Angebote im Small-Pay-Bereich nur zögerlich angenommen? Wie bei Skillshare liegen hier Ressourcen offen, die zum akzeptablen Preis relevante Bildungs-Häppchen anbieten.

Nennung von Blogstöckern

Mich hat die Anfrage kurzfristig überrascht, daher tue ich mich schwer damit, jetzt Leuten einen Blogpost aus der Rippe zu leiern. Wer mag: feel free!

P.S. Ich lege mal nach. Und nominiere: @clbremer@KhPape und @jrobes.

“Knowledge consists of facts, laws, data, information, intuition, judgement, insight, prediction and experience and understanding. We consider knowledge to be defined as the actual and potential ability to take effective actions.”

(Bennet/Bennet 2004)