Die Sache mit dem unaussprechlichen Wissen
Ein wirklich „fetter Brocken“, der mir da Anfang Januar ins Haus geschneit ist. Olaf Katenkamps Buch „Implizites Wissen in Organisationen“ umfasst rund 500 Seiten, ist voll mit Modellen, Methoden, Grafiken, Tabellen und Analysen auf empirischer Grundlage und stellt die Frage, inwieweit die „Praktiken und Modelle des Wissensmanagements durch das implizite Wissen beeinflusst werden“ – wie es im Vorwort heißt.
Allein das Literaturverzeichnis umfasst ca. 50 Seiten. Eine Dissertation, letztlich nutzbar als Handbuch für alle, die sich im weitesten Sinne mit Wissen beruflich beschäftigen. Dank an Boris Jäger, dem ich im Austausch gegen diese Rezension die Erweiterung meines Buchschrankes um ein sehr nützliches Grundlagenwerk verdanke.
Worum geht’s?
Die Behauptung im Vorwort, dass Knowledge Management Systeme sich bisher vorwiegend mit Sammlung, Aufbereitung und Speicherung von Wissen aus expliziter Sicht beschäftigt haben, kann ich leider nicht überprüfen. Ich bin ja kein ausgebildeter Wissensmanager im engeren Sinne, ich habe nur mein Leben lang Wissen gesammelt und gebe es gerne weiter. Für mich als Coach und E-Moderatorin bietet so ein Buch zunächst einmal tausende Anregungen, denn ich fand schnell viele Kapitel, in denen ich Hinweise aus Theorie und Praxis zu Methoden und Modellen entdeckte, mit denen ich mich im E-learning häufig beschäftige.
Häppchen
Dementsprechend habe ich mir das Buch in „Häppchen“ gegönnt, was auch ohne weiteres möglich ist – trotz des klaren und strukturierten Aufbaus kann man an beliebigen Stellen aufschlagen und sich stückweise durchlesen. Die Sprache ist leider, wie bei wissenschaftlichen Werken üblich, ordentlich mit „Hauptwörterei“ durchsetzt, wie Journalisten es nennen. Keine Frühstückslektüre also, man muss sich schon konzentrieren, um die Inhalte zu greifen. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb ist es sehr wertvoll: es bietet jedem, der sich tiefgreifend mit dem Begriff des „Wissens“ auseinandersetzen will, mehr als genug an Fakten, Thesen, Querverweisen, Denkanstößen.
Der Begriff “implizit”
Nun zum Aufbau. Das Buch beginnt mit einer Klärung des Begriffes „implizit“ und setzt ihn in Bezug zu organisationalem Lernen bzw. Lernen in Systemen. Implizites Wissen wird als „stilles“ Wissen mit verschiedenen Bewusstseinsdimensionen definiert, das sprachlich (meist) nicht greifbar ist. Katenkamp sieht aber gerade in dieser Tatsache den Grund, sich dem impliziten Wissen auf wissenschaftlicher Basis zu nähern. Ansonsten wäre, wie er es ausdrückt „die Gefahr groß, es als ein ‚geheimnisvolles, unerklärbares‘ Wissen mythisch mit überhöhten Kräften aufzuladen“.
Was immer er damit meint – mir klingt das erst mal zu sehr nach einer Haltung, die nicht sofort Definierbares in die Ecke des „Unerklärlichen, Geheimnisvollen“ stellt – in Coaching und E-Learning beschäftigt man sich stark mit der intrinsischen Motivation des Lernenden. Jeder, der regelmäßig in der Lehre tätig ist, kennt das Phänomen, daß Menschen scheinbar nur durch eigene Erfahrung und eigene „Fehler“ lernen. Gerade im E-Learning suchen wir aufgrund der zunächst vorherrschenden Distanz zum Lernenden (bedingt durch die technischen Aspekte der Lernumgebungen) nach neuen Konzepten, die hierauf fußende Überlegungen berücksichtigen.
Modelle und Kriterien
Aber zurück zum Buch. Wissensformen, Dimensionen des Wissens, lernende Organisationen, Generationen des Wissensmanagements, Modelle des Wissensmanagements und Ebenen werden im 2. sowie im 3. Kapitel dargestellt. Kleine Tabellen veranschaulichen die Textebene. Im 4. Kapitel geht es dann um konkrete Modelle und Methoden zur Erhebung, Struktur und Anwendung impliziten Wissens.
Katenkamps Recherche bezog auch Handbücher, Leitfäden und Internetplattformen mit ein, in denen implizites Wissen nicht ausdrücklich als Schwerpunkt definiert wird. Die Kriterien zur Systematisierung bezieht er ausdrücklich auf Wissensprozesse, -phasen oder Wissensebenen, in der Auswahl hält er sich an solche, die durch „bewährte“ Projekterfahrungen verifiziert sind bzw. solche, die aufgrund seiner Kriterien eine Art Mindestmaß an „Qualität“ erfüllen.
Um einige Modelle zu nennen:
- kognitive Maps,
- narrative Formen wie Storytelling,
- Metaphernanalyse,
- Mentoring oder auch generationenübergreifendes Lernen,
- Communities of practice bzw. Wissensnetzwerke,
- Change-Lab
- Transaktive Wissenssysteme
In seinem Fazit dieses Kapitels kommt Katenkamp zu dem Schluss “Ein Werkzeug oder Instrument, das eine ausschließliche Übertragung vom impliziten Wissen beanspruchen kann, gibt es nicht.“ Diese Erkenntnis kann ich aus meiner berufspraktischen Erforschung der menschlichen Lernprozesse nur unterstreichen, ja – ich wäre sogar enttäuscht gewesen, hätte der Autor etwas anderes behauptet. Gerade darin besteht ja der Reiz, sich mit interaktivem Wissenstransfer zu beschäftigen: die „diversity“, die Vielfalt der denkbaren Lernansätze macht das Arbeitsfeld Wissen so interessant.
Offene Fragen
Katenkamp weist dann in Kapitel 5 noch darauf hin, dass implizites Wissen für Organisationen bestimmte Fragen aufwirft, was die Übertragung oder konkrete Anwendbarkeit, die Wertschöpfung für bzw. sogar die Hemmung von Unternehmensprozessen angeht. Das Spannungsfeld zwischen der Organisation als System mit fester Struktur und dem impliziten Wissen mit seiner unkontrollierbaren, unsichtbaren Tiefenstruktur auf der Basis von Werten und Weltbildern wird benannt. Katenkamp meint, im Wissensmanagement sei die Bedeutung der Unternehmenskultur oft unterstrichen, aber selten untersucht worden.
In seinem Gesamtfazit kommt er zu dem Ergebnis, dass Wissen und Lernen voneinander abhängig seien. Für das Konzept des impliziten Wissens sieht er vier Basisprobleme:
- Welche Methoden eignen sich zur Entdeckung und Erhebung impliziten Wissens?
- Welches Modell der Aneignung von implizitem Wissen kann entwickelt werden?
- Wie wird implizites Wissen weiter gegeben und wie trägt es zur Entstehung neuen Wissens bei?
- Wie kann implizites, selbstorganisiertes, informelles Wissen im Rahmen des Wissensmanagements gehandhabt werden?
Das Buch enthält keine absoluten Weisheiten oder definitive Antworten. Aber es bildet eine Grundlage zum Weiterdenken. Insofern: losgehen und für den eigenen Buchschrank besorgen!
Olaf Katenkamp: Implizites Wissen in Organisationen. Konzepte, Methoden und Ansätze im Wissensmanagement.
aus der Reihe „Dortmunder Beiträge zur Sozialforschung“
VS Verlag, 2011
ISBN 978-3-531-18028-1
Ladenpreis: 49,95 Euro

