Nachtrag zum #EdchatDE mit dem Thema “Blended Learning”

Ist Blended Learning wirklich nur eine Kombi aus Präsenz und Online? In der offiziellen Definition: ja. Für mich erweitert sich diese Definition aber aufgrund bestimmter Erlebenswelten – hier einige weiterführende Gedanken.

Der Edchat.DE

Der EdchatDE ist ein Twitter-Chat für Lehrende und behandelt zumeist Themen rund um Schule. Hin und wieder gibt es Themenspecials für generell an Lernthemen Interessierte, wie am Dienstag dieser Woche: Summer Special “Blended Learning”. plakat-2_med

Was ist Blended Learning?

Marc Schakinnis hat das sehr schön erklärt in seinem Blogpost zu eben diesem Twitterchat:

“Auf der Seite e-teaching.org wird “Blended Learning” wie folgt definiert: “(Auch: hybrides Lernen); ein Lehr-/Lernkonzept, das eine didaktisch sinnvolle Verknüpfung von Präsenzveranstaltungen und virtuellem Lernen auf der Basis neuer Informations- und Kommunikationsmedien vorsieht.”

ununi.TV ist kein Blended Learning

Mit Anja Lorenz hatte ich ein kleines Nebengespräch beim EdchatDE dieser Woche, in dessen Verlauf ich irgendwann behauptet habe, ununi.TV sei irgendwie auch/ein Beispiel für Blended Learning, Anja aber meinte, es stünde für reines E-Learning.

Beide Behauptungen sind in gewisser Weise wahr – sie waren im Rahmen des EdchatDE schlicht nicht im Detail diskutierbar und wiesen daher eine extreme Unschärfe auf. Natürlich sind die Kurse/Specials, die ununi.TV anbietet per bestehender Definition (s.o) E-Learning, denn man trifft sich nicht live für Kursinhalte an einem bestimmten geografischen Ort.

Ich hatte aber andere Hintergedanken im Kopf. Hier nun meine weiterführenden Gedanken dazu.

Was ist Präsenz?

Twitter   anjalorenz  A7  Präsenz ist alles  wo ...

“Blended Learning” außerhalb von Kursen – innerhalb von Communities

Sich gegenseitig “anfassen können” – das ist genau, was ich im Rahmen meiner Aktivitäten bei ununi.TV erlebe. Natürlich bin ich ein sehr aktives Mitglied mit vielen Ideen, viel Input und Bereitwilligkeit zu Feedback. Das spielt sicher eine Rolle im Erleben und der Bewertung meiner persönlichen Lernprozesse. Präsenz erlebe ich quasi genauso, wie in Anja’s Tweet benannt: “sich gegenseitig anfassen”.

Dies geschieht oft virtuell über die G+ Community. Dazu kommen die internen Hangouts, die wie Stammtische funktionieren: man trifft sich locker regelmäßig und diskutiert bestimmte Themen. Etliche der Community Mitglieder treffe ich ab und an online zusätzlich in privaten Video-Chats oder bei Veranstaltungen im “realen Leben”.

“Präsenz” hat für also inzwischen eine ganz andere Bedeutung bekommen als die Allgemeindefinition es impliziert: Präsenz heißt einfach nur, mit Menschen in engem, direktem, wiederholtem Kontakt zu sein. Dafür muss ich Menschen nicht die Hand schütteln oder ihre Schulter mit meiner Hand berühren.

Reale Präsenz versus virtuelle Präsenz

Bei den Blended Learning-Angeboten, die ich bisher konzipiert habe (in klassischem Sinn) war der “Nasenfaktor” immer unheimlich wichtig: Teilnehmer möchten das Gefühl haben, die Menschen zu kennen, mit denen sie für ein paar Wochen etwas enger zusammen arbeiten werden. Immer bewährt hat sich also ein reales Treffen zu Kursbeginn.

Dieses Bedürfnis, Menschen “kennen zu lernen” resultiert nach meiner Ansicht aus einem beschränkten Kommunikations-Vokabular und einer vorgefertigten Haltung. Es ist vielen Menschen unmöglich, ohne den Einsatz all ihrer Sinne Rückschlüsse auf die Personen zu schließen, mit denen sie zu tun haben: visueller Eindruck, Körpersprache, Gestik, Mimik, Geruch, erlebte Situationen sind erlernte Indikatoren für die Beurteilung der Umwelt.

Die Online-Welt ist deshalb für viele Menschen so bedrohlich, weil diese Indikatoren zum großen Teil wegfallen. Vereinfacht: das Gespräch im Kaffeehaus bei einer Partie Schach mit Person X bringt mir schnellere Erkenntnisse über Person X als eine virtuelle Schachpartie mit Person X, bei der ich sie nicht live beobachten kann.

Es geht auch anders: Lebendige virutelle Community = Präsenz

Man kennt das: man richtet eine Gruppe auf Facebook oder XING ein , etabliert einen Twitterhashtag für ein bestimmtes Projekt oder eine Idee – und steht schon nach kurzer Zeit alleine da. Alleine als einzig vorhandener Aktiver, Motivator, Input-Geber. Das saugt die Energien zügig leer und lässt die Gruppe/das Projekt schnell sterben.

Eine Community, in der man nicht alleiniger Teilgeber ist, hat einen fantastischen Wert.

Merkmal für eine lebendige Community sind diverse Motivatoren/Initiatoren, die sich kontinuierlich engagieren. Sicher gibt es immer herausragende Impulsgeber, die alles voran treiben (möchten) – aber dieses Top-Down-Prinzip muss durch ein aktives Bottom-Up-Geschehen immer wieder belebt werden.

Denken öffnen, Haltung ändern.

Twitter   cfreisleben   dieHauteCulture nein auch ...

Vielleicht brauchen wir die enge Definition für Blended Learning immer noch, um Angebote von Bildungsanbietern einzuordnen. Interessant fände ich aber, in Bezug auf die Lernerhaltung intensiver zu diskutieren, ob “Blended” nicht andere Bedeutungen bekommen kann.

Das Social Web zeichnet sich durch Dialogorientierung aus – nur weil viele Communities nicht “funktionieren”, heißt das nicht, dass sie generell nicht eine wichtige Rolle für Lerner einnehmen können. Und somit nicht auch der Definition von “Präsenz” einen neuen Touch geben können.

Muss ich Menschen nur offline “mögen”, um mit ihnen konstruktiv und kreativ zusammen zu arbeiten und mit ihnen/durch sie lernen zu können? – Meine Antwort: definitiv NEIN. Ich kann Menschen auch online ausreichend mögen. Es hängt von der Art ihrer Präsenz in meinem Lebenskontext ab, ob ich in Folge von ihnen lernen möchte oder nicht.

Überall lernt man nur von dem, den man liebt.

(Johann Wolfgang von Goethe)